Albert Massiczek
1916–2001

Dr. Heinz Fischer schreibt an Constantia Spühler:

Heinz Fischer © Peter Rigaud
Foto: Peter Rigaud

Wien, 26. Februar 2007
dr. hfi/gm

Sehr geehrte Frau Spühler-Massiczek!

Im Sinne unseres Telefon­ge­sprä­ches habe ich mich in der An­gelegen­heit Ih­res Va­ters Dr. Albert Massiczek so gut ich kann um „his­to­ri­sche Ge­rech­tig­keit“ be­müht.

Ich habe die von Ihnen über­mittel­ten Unter­lagen, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Dr. Amalie Oppenheim, im Zu­sam­men­hang mit Dr. Gaisbauer und im Zu­sam­men­hang mit Friedrich Heer sorgfältig studiert und zur per­sön­li­chen In­for­ma­tion auch an die Lei­te­rin des Do­ku­men­ta­tions­ar­chi­ves des Ös­ter­rei­chi­schen Wider­stan­des Frau Univ.-Doz. Dr. Brigitte Bailer über­mit­telt.

Natür­lich steht unbe­strit­ten fest, dass Albert Massiczek vor 1938 oder bis 1938 ille­galen NS-Orga­nisa­tio­nen ange­hört hat. In glei­cher Weise ver­fes­tigt sich aber meine Über­zeu­gung, dass sich Ihr Vater nach den ersten rea­len Erfah­run­gen mit dem Natio­nal­sozia­lis­mus aus innerer Über­zeu­gung vom Natio­nal­sozia­lis­mus ab­ge­wen­det hat.

Frau Dr. Bailer vom Do­ku­men­ta­tions­ar­chiv schreibt mir, dass eine „ab­schlie­ßen­de, alle Fak­ten be­rück­sich­ti­gen­de Be­ur­tei­lung von Dr. Massiczek ein­ge­hen­de, wei­ter­füh­ren­de Re­cher­chen er­for­dern“ würde.

Sie werde sich aber jeden­falls dafür ver­wen­den „dass bei einer all­fälli­gen Neu­auf­lage des ge­nann­ten Buches eine Neu­be­wer­tung des Ver­hal­tens von Al­bert Massiczek in der NS-Zeit vor­ge­nom­men wird“.

Ich selbst möch­te noch einen Schritt wei­ter­ge­hen und Ihnen gegen­über fest­hal­ten, dass für mich die Ab­wen­dung von Dr. Massiczek vom Natio­nal­sozia­lis­mus nach dem so­ge­nann­ten An­schluss, aber noch vor Beginn des Zwei­ten Welt­krie­ges ab­so­lut glaub­wür­dig ist.

Ich stütze mich dabei nicht nur auf die von Ihnen vor­ge­leg­ten Do­ku­men­te, son­dern auch auf meine per­sön­li­chen Kon­tak­te mit Dr. Albert Massiczek. Ich habe in vie­len Ge­sprä­chen mit ihm eine ab­so­lut ein­deu­ti­ge ne­ga­ti­ve und ab­leh­nen­de Ein­stel­lung gegen­über dem Natio­nal­sozia­lis­mus re­gistriert, wobei diese Glaub­würdig­keit durch sein Ein­ge­ständ­nis bis knapp nach dem An­schluss in NS-Orga­nisa­tio­nen ver­strickt gewe­sen zu sein, nicht nur nicht re­lati­viert, son­dern ver­größert wird.

Eine wei­tere Quelle für meine feste Über­zeu­gung in diesem Sinn ist Dr. Christian Broda, der lang­jähri­ge Justiz­minis­ter. Ich hatte mit Christian Broda (den ich – wie Sie si­cher wis­sen – etwa 1957 kennen­ge­lernt habe) und mit seiner gan­zen Familie sehr in­ten­si­ven Kon­takt ge­habt und ich habe mit ihm und seiner Frau Hilda auch oft über Al­bert Massiczek ge­spro­chen, der ja nur wenige Häu­ser von den Brodas ent­fernt in der Adolfs­tor­gasse gewohnt hat.

Christian Broda, dem man seine kommu­nis­ti­sche Ver­gan­gen­heit in der Zeit zwi­schen 1934 und 1945 oft­mals vor­ge­worf­en hat, hat mit großer Deut­lich­keit und mit Re­spekt da­von ge­spro­chen, dass Albert Massiczek zwar zunächst ille­gales Mit­glied natio­nal­sozia­lis­ti­scher Or­gani­satio­nen war, sich dann aber sehr früh­zei­tig (1938/1939) vom Natio­nal­sozia­lis­mus ab­gewen­det hat, nach­dem er das Wesen des natio­nal­sozia­lis­ti­schen Ter­rors und die In­humani­tät dieser Bewe­gung durch­schaut hat.

Broda hat sich dabei auch auf das Zeug­nis von Friedrich Heer ge­stützt, der einer­seits ein Klassen­kollege und enger Ver­trau­­ter von Christian Broda war und ande­rer­seits Albert Massiczek gut ge­kannt hat.

Seit unserem Tele­fon­ge­spräch habe ich auch mit Bundes­rat Albrecht Konecny Kon­takt auf­genom­men, der nur wenig jün­ger ist als ich und von dem ich weiß, dass er in den 50-iger Jah­ren sowie ich Mit­glied des Ver­bandes Sozia­listi­scher Mittel­schü­ler war und in die­ser Eigen­schaft ebenfalls Albert Massiczek ken­nen­ge­lernt hat, der ja in dieser Zeit häu­fi­ger Be­su­cher und häu­fi­ger Re­fe­rent bei Ver­an­stal­tun­gen der Sozia­lis­ti­schen Mittel­schü­ler und in der Ar­beits­gemein­schaft Christen­tum und Sozia­lis­mus war.

Albrecht Konecny be­ur­teilt den Lebens­weg und die Hal­tung von Albert Massiczek ganz ähn­lich wie ich und er hat auch (wie er mir in diesen Tagen berich­tet hat) ohne Kon­takt­nahme mit mir aus eige­nem für die nächste Nummer der Zeit­schrift des BSA einen Arti­kel ges­chrie­ben, den Sie inzwi­schen erhal­ten haben und in dem er Albert Massiczek ähn­lich beurteilt wie ich und gegen offen­bar un­gerecht­fertig­te Vor­hal­tun­gen in Schutz nimmt.

Ich glaube daher zusam­men­fas­send im Lichte mei­ner per­sön­li­chen Er­fah­run­gen, im Lich­te der Mit­tei­lun­gen von Aus­kunfts­per­so­nen und auch im Lichte vor­han­de­ner Doku­mente sagen zu können, dass ich per­sön­lich über­zeugt davon bin, dass Albert Massi­czek sich zwar als etwa 20-jähriger, der (damals noch illegalen) natio­nal­sozia­lis­ti­schen Bewe­gung anges­chlossen hat, aber sich schon wenige Monate nach dem so­genann­ten An­schluss aus inne­rer Über­zeu­gung vom Natio­nal­sozia­lis­mus los­ge­löst hat. Er hat Hand­lun­gen ge­setzt, die dies be­wei­sen und die nicht mit dem Oppor­tu­nis­mus jener gleich­ge­setzt wer­den dür­fen, die in den letz­ten Mona­ten des Krie­ges die poli­ti­schen Fron­ten gewechs­elt haben und allen­falls auch einige Alibi-Handlun­gen gesetzt haben, von denen sie erwar­ten konn­ten, dass dies nach dem bevor­stehen­den Kriegs­ende allen­falls von Nutzen sein könnten.

Ich wollte Ihnen dies mit­tei­len und ver­blei­be mit freund­li­chen Grüßen

[gez.: Ihr Heinz Fischer]

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