Albert Massiczek
1916–2001

Statement Peter Michael Lingens vom 16. 9. 2007

Peter Michael Lingens © profil
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Ich habe Herrn Dr. Albert Massi­czek im Alter von etwa 15, 16 Jah­ren durch meine Mut­ter, Frau Dr. Ella Lingens, kennen­ge­lernt. Sie war mit ihm so­wohl als Prä­si­den­tin der Lager­gemein­schaft Ausch­witz, wie pri­vat in en­gem freund­schaft­li­chen Kon­takt und hat ihn mir als Pro­to­typ des irre­gelei­te­ten ju­gend­li­chen Idea­lis­ten be­schrie­ben: Je­mand, der ehr­lich an den Na­tio­nal­so­zia­li­smus ge­glaubt, sich nach den er­sten ei­ge­nen Er­fah­run­gen aber umso ent­schie­de­ner ab­ge­wandt habe. So habe er sich ur­sprüng­lich en­thu­sias­tisch zur SS ge­mel­det, habe aber schon nach den er­sten Ak­tio­nen, an de­nen er be­tei­ligt war, deren un­mensch­li­chen Cha­rak­ter er­kannt. Er habe alles unter­nommen, um weg­zu­kommen. Die Be­straf­ung durch die Ein­be­ru­fung zur Wehr­macht und der damit ver­bun­de­ne Front­ein­satz hät­ten ihn vor der Waffen-SS bewahrt.

Ich habe so­wenig wie meine Mut­ter ge­prüft, ob diese, zwei­fel­los von ihm stam­men­de Dar­stel­lung den Tat­sa­chen ent­spricht, aber sie schien uns, nach allen unse­ren Er­fah­run­gen mit ihm, in je­der Hin­sicht glau­bwür­dig. In allen nur denk­ba­ren Zu­sam­men­hän­gen haben wir ihn als einen be­son­ders an­stän­di­gen, ehr­li­chen Men­schen und glü­hen­den Anti-Nazi ken­nen ge­lernt, wo­bei uns Letz­te­res die durch­aus lo­gi­sche Kon­se­quenz sei­nes SS-Er­leb­nis­ses zu sein schien.

Wie meine Mut­ter habe ich es immer als ab­surd er­ach­tet, ei­nem Men­schen zum Vor­wurf zu ma­chen, dass er, noch dazu in blut­jun­gen Jah­ren, auf den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus her­ein­ge­fal­len ist, son­dern hal­ten es im Gegen­teil für eine morali­sche Leis­tung, sich aus eige­ner Kraft aus die­sem Irr­glau­ben be­freit zu ha­ben. Wann immer es darum ging, ein Wie­der­auf­le­ben na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ge­dan­ken­gu­tes zu be­kämp­fen, habe ich Dr. Massi­czek als be­son­ders über­zeug­ten und über­zeu­gen­den Mit­strei­ter er­lebt: Ge­ra­de, weil er selbst auf die­se ar­cha­ische Ideo­lo­gie her­ein­ge­fal­len war – woraus er nie ein Hehl mach­te, konnte er so glaub­würdig davor war­nen.

16. 09. 2007, Peter M. Lingens

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