Albert Massiczek
1916–2001

Aus: Peter Singer: Mein Großvater: Die Tragödie der Juden von Wien. Europa Verlag, Hamburg–Leipzig–Wien

Peter Singer

Dezember 1998

Nach meiner Be­geg­nung mit Eva [Berger] be­such­te ich Al­bert Massi­czek. Ein be­mer­kens­wert leb­haf­ter und wacher Herr von 82 Jah­ren ­kommt an die Tür, er­greift mei­ne Hand fest und hält sie lan­ge, ein herz­lic­hes Lä­cheln im Ge­sicht und ein einziges Auge, das mich an­strahlt. Die schwar­ze Kla­ppe trägt er nicht mehr, und die ein­gefal­le­ne Stel­le, wo sein rech­tes Auge war, gibt sei­nem Ge­sicht ein auf­fal­lend asym­me­tri­sches, aber nicht un­angen­eh­mes Aus­sehen. Er freut sich sicht­lich, mich zu se­hen und führt mich in die Kü­che, wo er ein leich­tes ve­ge­ta­ri­sches Essen zu­be­rei­tet hat. Wie spre­chen von mei­nen Groß­el­tern und ihrem Ein­fluß auf sein Leben. Er zeigt mir einen Brief, den David ihm im Januar 1942 schrieb, um ihm zur Ge­burt seines er­sten Kin­des zu gra­tul­ieren.

[…]

Un­ser Ges­präch be­rührt meh­re­re The­men, auch sol­che, die Massi­czek mit mei­nem Groß­vater dis­ku­tier­te. Bevor wir uns ver­ab­schie­den, nimmt er aus seinen Bücher­rega­len einen Band mit den Schri­ften der grie­chi­schen Phi­lo­so­phen, der so­ge­nann­ten „Vor­so­kra­ti­ker“, weil sie vor So­kra­tes wirk­ten. Es ist eine zwei­sprachi­ge Aus­gabe mit dem grie­chi­schen Text auf der einen Sei­te und der deut­schen Über­set­zung auf der ande­ren. Mein Groß­vater gab sie ihm nicht als Teil sei­ner Bib­lio­thek, die er für besse­re Zeiten hüten soll­te, son­dern als Ge­schenk. Jetzt schenk­te er sie mir, so daß das Buch, das ein­mal zur Bib­lio­thek meines Groß­vaters ge­hör­te, nun Teil mei­ner eige­nen sein wird.

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