Albert Massiczek
1916–2001

Brief von Prof. Dr. Ernst David Oppenheim vom 11. 1. 1942 anlässlich der Geburt der Tochter Anna am 4. Jänner

Albert Massiczek mit Tochter Anna
© Hildburg Massiczek

Wien, 11. I. 1942.

Lieber Freund!

Mit hoher Freude begrüßen wir das Kind, das Euerm Ehe­bund ent­spros­sen ist. Ihr nennt es Anna, viel­leicht ohne zu wis­sen, daß die­ser Name in seiner Ur­spra­che, im He­bräi­schen, schlecht­hin Gnade bedeu­tet. Aber wie Ihr ge­sinnt seid, wer­det Ihr auf je­den Fall der Wei­sung, die in dem Namen liegt, getreu­lich folgen. Weit ent­fernt, Eure Anna selbst­gefäl­lig als Euer Ge­schöpf zu ver­göt­tern, werdet Ihr sie mit gläu­bi­gem Auf­blick als Gna­den­ga­be des Him­mels empfan­gen und so hin­ge­bend be­treu­en, daß Ihr und sie des gött­li­chen Ge­bers im­mer würdi­ger wer­det. Be­deut­sam scheint es aber auch, daß diese Anna ein Kriegs­kind ist. Denn schlum­mern ihm auch im Zei­ten­schoße die dun­keln und die hei­tern Lose, eines ist doch völ­lig ge­wiß, an einem Krieg tä­tig Teil zu neh­men, ist ihm durch sein Ge­schlecht ver­bo­ten. Und so könnt Ihr in der Geburt die­ses Kin­des ein tröst­li­ches Sinn­bild sehen, daß die­sem höl­li­schen Krieg doch ein Friede ent­sprin­gen wird, der eine Gna­de des Him­mels ist, weil er nicht durch die Ge­walt der Waf­fen er­zwun­gen, son­dern aus gu­tem Wil­len ge­schaf­fen ist, jener Frie­de, von dem der kaum ver­klun­gene Weih­nachts­gruß sagt: „Gloria in excelsis deo et in terris pax hominibus bonae voluntatis.“

So viel Grund gibt uns Euer Kind, Euch zu sei­ner Geburt ganz be­son­ders zu be­glück­wün­schen, den stärks­ten aber bie­tet Ihr selbst, denn was Ihr uns getan habt und tut, uns, die wir jetzt kaum der Ge­rings­ten einer sind, können wir Euch gar nicht ent­spre­chend ver­gel­ten, es wäre denn durch innig­ste An­teil­nahme an Eurem Leben.

Dem­gemäß wün­schen wir noch der lieben Frau Burgl ein gutes Wochen­bett und der klei­nen Anna ein fröh­li­ches Gedei­hen an der Mutter­brust. Dir aber, l. Albert, will ich un­be­scha­det der ge­bote­nen Demut, doch auch ein wenig Vater­stolz ver­gön­nen.

Dei­nem Besuch sehe ich mit einer Un­ge­duld ent­ge­gen, die ich freu­dig nen­nen könn­te, gäbe es in mei­nem per­sön­li­chen Leben noch echte Freude.

Mit besten Wün­schen und innig­en Grüßen von Haus zu Haus

Dein treuer Ernst [Oppenheim]

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