Albert Massiczek
1916–2001

Worte, gesprochen am 20. Jahrestag der Hinrichtung Alfred Rabofskys („Tagebuch“, Oktober 1964).

[Vorrede]

Die Toten an die Lebenden

Wir haben uns in diesen Mau­ern, die so sehr das qual­volle Ster­ben at­men, zu einem ern­sten An­laß ver­sam­melt. Wir wol­len eines jun­gen, eines knapp fünf­und­zwan­zig Jah­re alt ge­wor­de­nen Men­schen ge­den­ken, der hier vor zwei Jahr­zehn­ten zum Tode ge­bracht wur­de durch die Scher­gen ei­nes Re­gi­mes, das sich an­maß­te, sich zum Herrn al­len Le­bens zu ma­chen und das Le­ben nach dem Pro­krus­tes­bett seiner Bru­ta­li­tät und Nie­der­tracht zu bie­gen oder zu bre­chen. Hal­ten wir fest: Wir ha­ben die Mög­lich­keit, hier zu­sam­men­zu­kom­men, weil zahl­rei­che mu­ti­ge Ös­ter­rei­cher sich den Hen­kern da­mals ent­ge­gen­ge­stellt ha­ben. Wir alle wis­sen, daß es in dem Maß schwer war, diese Zeit zu über­le­ben, als man Ge­sin­nung und Cha­rak­ter be­wies; und daß es für die, die da­mals da wa­ren, wohl im­mer mit einem Maß an Schuld er­kauft wer­den muß­te. An wie vie­len mußte man vor­bei­se­hen, um wei­ter­le­ben zu kön­nen!

Wir ha­ben die Mög­lich­keit, hier zu­sam­men­zu­kom­men. Was aber hat uns hier­her­ge­führt, um un­ter den sech­zig Mil­lio­nen Toten der Hit­ler-Bar­ba­rei ge­ra­de des jun­gen Schrift­set­zers Al­fred Rabof­sky zu ge­den­ken?

Las­sen Sie mich zu­erst von mir selbst be­rich­ten. Ich hör­te diesen Na­men zu­erst an ei­nem kal­ten, nebe­li­gen Mor­gen des frü­hen Jah­res 1939. Ein „Treff“ ver­ei­nig­te mich an der Sei­te meines Freun­des Fried­rich Heer mit dem mir bis da­hin un­be­kann­ten Edu­ard Ra­bof­sky, dem Bru­der des hin­ge­rich­te­ten Al­fred Ra­bof­sky, und ei­nem mir da­mals eben­falls noch un­be­kann­ten So­zia­lis­ten: Chris­tian Bro­da. Wir frag­ten uns, als wir uns da­mals am Nord­west­bahn­hof trafen, nicht nach dem je­wei­li­gen Ge­sichts­win­kel, aus dem her­aus wir das Re­gi­me ver­ab­scheu­ten und, so gut es eben ging, be­kämpf­ten. Wir such­ten nur ei­nen Weg, ei­nem Ver­haf­te­ten des Nazi­re­gi­mes zu hel­fen – und ich weiß nur all­zu gut, daß es mir nicht ge­lun­gen ist, et­was in die­ser Rich­tung ins Werk zu set­zen. Al­fred Ra­bof­sky habe ich nie per­sön­lich ge­kannt. Wenn ich aber in des­sen Leben hinein­blicke, und die zwan­zig Jahre seit sei­nem Tode haben mehr­fach dazu ge­drängt es zu tun, muß ich zu aller­erst mei­ner Dank­bar­keit dar­über Aus­druck ge­ben, daß ich hier spre­chen darf, im An­ge­sicht so vie­ler, die mit ihm zu­sam­men ge­lebt, ge­kämpft und ge­dacht ha­ben.

Al­fred Rabof­sky wurde am 29. Juni 1919 in Wien, weni­ge Schrit­te ent­fernt von die­sem Ort des Grau­ens, ge­bo­ren. Im 9. Be­zirk ist er in die Schule ge­gan­gen, hier hat er ge­ar­bei­tet, wei­ter­ge­lernt mit ei­nem wiß­be­gie­ri­gen Herzen, hier hat er den Fe­br­uar 1934 als „Ro­ter Fal­ke“ er­lebt, Er ge­hör­te der Ar­bei­ter­be­we­gung an, ob­wohl er de­ren le­gale Ent­fal­tung noch nicht mit wa­chem und rei­fem Be­wußt­sein er­le­ben konn­te – und er wuß­te das Un­mensch­li­che der Hit­ler-Dik­ta­tur zu er­ken­nen, ob­wohl er nie­mals für die De­mo­kra­tie ge­schult wor­den war oder an ei­ner le­ga­len Ar­bei­ter­ver­samm­lung teil­ge­nom­men hat­te. Die Gabe seiner Un­ter­schei­dung stamm­te aus den Tie­fen sei­ner Per­sön­lich­keit, aus je­nen uns noch im­mer zu­we­nig be­wuß­ten Kräf­ten, die ge­ra­de in den un­be­kann­ten, den so­ge­nann­ten klei­nen Men­schen mehr zu Hau­se sind als oft­mals in der so­ge­nann­ten gro­ßen Welt. Ohne Hil­fe sei­tens ir­gend­ei­ner be­fug­ten und wohl­be­stall­ten Au­to­ri­tät, ohne offi­ziel­les Leit­bild, nur nach dem inne­ren Kom­paß stell­te sich Al­fred Ra­bof­sky von An­fang an ge­gen den Na­zis­mus. Von Ös­ter­reich hat­te er ei­gent­lich zeit­le­bens nicht viel Gu­tes er­fah­ren ge­habt. Und doch starb er als un­be­irr­ba­rer Kämp­fer für Ös­ter­reichs Be­frei­ung. Das al­les gibt nicht nur zu den­ken, es gibt auch Hoff­nung, vor al­lem Hoff­nung in die­sen Ta­gen und für die Zu­kunft Ös­ter­reichs.

Alfred Rabofsky wurde als Sani­täts­unter­offi­zier, aus­ge­bil­det in der Sani­täts­ab­tei­lung Wien, ver­haf­tet. Die­se Ab­tei­lung be­her­berg­te um 1944 fast mehr Wider­stands­kämp­fer als Sol­daten für den ab­ge­wirt­schaf­te­ten Füh­rer. Wir fin­den un­ter ih­nen den Wie­ner Ski­leh­rer Am­ber­ger, den Di­rek­tor des All­ge­mei­nen Kran­ken­hau­ses Dok­tor Rit­schel, Do­zent Dr. Solms, den „Hilfs­kran­ken­trä­ger“ und heu­ti­gen Do­zen­ten Dr. Gla­ser, Pro­gramm­di­rek­tor bei Ra­dio Wien, den weit­hin ge­schätz­ten Pro­fes­sor Rie­se von den Barm­her­zi­gen Brü­dern und den heu­ti­gen Bun­des­mi­nis­ter für Jus­tiz, Dr. Chris­tian Bro­da. Im Wider­stand und in der Hilfe für die Schlacht­opfer des Hit­ler-Krie­ges fan­den sich So­zia­lis­ten, Kon­ser­va­ti­ve, Kom­mu­nis­ten und Stand­ort­lo­se zu­sam­men, Men­schen al­ler Rich­tun­gen, bei­der christ­li­cher Kon­fes­sio­nen und Kon­fes­sions­lose.

Ja, aller Rich­tun­gen, so auch sol­che, die zur Zeit des so­ge­nann­ten Um­bruchs aus eben­so un­glück­se­li­gen wie un­mensch­li­chen, in Öster­reich lei­der sehr hei­mi­schen Tra­di­tio­nen her­aus be­gei­stert in der Nazi­par­tei ge­stan­den wa­ren. Zu die­sen letz­te­ren ge­hör­te auch ich. Mein Stand­ort nach der so­ge­nann­ten Kris­tall­nacht des Jah­res 1938 mag er­klä­ren, wa­rum ich hier mit schwer zu schil­dern­den Ge­füh­len ste­he und für Al­fred Ra­bof­sky Wor­te des Ge­den­kens spre­che, wa­rum ich mit mehr Schuld, mehr Schul­dig­keit und viel­leicht auch mehr Ver­pflich­tung spre­che als man­cher an­de­re, der die Nazi nicht von innen her er­kannt hat. Mir zeigt sich ein tie­fer Sinn da­rin, daß ich, der ehe­ma­li­ge Nazi von 1938, der mit dem Be­ginn des Hit­ler-Rei­ches zum über­zeug­ten Ka­tho­li­ken und zum Geg­ner wurde, hier für Al­fred Ra­bof­sky und alle sei­ne ge­mor­de­ten Mit­kämp­fer das Wort er­grei­fen darf.

In den Jah­ren des Wider­stan­des galt, wie ge­sagt, nicht Kon­fes­sion und Par­tei, son­dern das eine Ziel: das Ende der Nazi­macht und die Be­frei­ung Ös­ter­reichs. Das Wort Sani­tät ver­stan­den wir da­mals als Sani­täter nicht nur im üb­li­chen Sinn, der Ver­sor­gung von Kran­ken und Ver­wun­de­ten, son­dern wir waren be­müht, wo wir konn­ten, auch die Ge­sin­nung der Ge­sun­den zu sa­nie­ren und die Fäul­nis an der Wur­zel zu be­kämp­fen. Krieg, Nazi und Tod wa­ren für uns eine ein­zige Sache, die es zu be­kämp­fen galt. Auch hat­ten wir vor, nach dem Ende der Mord­herr­schaft Pro­phy­la­xe zu üben. Die Mör­der soll­ten nie mehr Ein­fluß er­lan­gen. Nun, da­mals war das anti­fa­schis­ti­sche, war das ös­ter­rei­chi­sche Be­wußt­sein stär­ker als heu­te.

Die in der Not gewach­sene Erkenn­tnis wurde seit­her etwas in den Hin­ter­grund ge­scho­ben. Ich glau­be, daß da­ran nicht der Wohl­stand allein schuld ist, son­dern sogar den ge­rings­ten Schuld­an­teil hat. Es gibt in Ös­ter­reich, im Schat­ten des Feil­schens um die Na­zi­stim­men, ein be­wuß­tes Zu­rück­stel­len der Wahr­heit, das lei­der zu Rück­stel­lung und Wie­der­gut­ma­chung ver­kehrt pro­por­tio­nal ist. Es gab in Ös­ter­reich auch an offi­ziel­ler Stel­le im Jah­re 1945 ei­ne auf­rei­zen­de Ver­geß­lich­keit ge­gen­über dem Jah­re 1938. Hät­te man da­mals seine Feh­ler ein­be­kannt und dies nicht nur von den Klei­nen ge­for­dert, so wäre unser Be­wußt­sein heute kla­rer und das ös­ter­rei­chi­sche Ge­wis­sen rei­ner.

Am 16. Juni 1943 wurde Al­fred Ra­bof­sky von sei­ner Trup­pe weg ver­haf­tet, nach Wien ge­bracht und vom so­ge­nann­ten Volks­ge­richts­hof zum Tode ver­ur­teilt. Am 19. Sep­tem­ber 1944 ist er dann, nach halb­jäh­ri­gem qual­vollen War­ten im Schall­be­reich des groß­deut­schen Fall­beils, in na­gen­der Sorge um Frau und Kind, we­gen „Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat, Zer­set­zung der Wehr­kraft und Feind­be­gün­sti­gung“ hin­ge­rich­tet wor­den. Aus dem Wort­schatz der na­zis­ti­schen Ban­den­mo­ral ins Deut­sche über­tra­gen be­deu­tet das, daß Al­fred Ra­bof­sky sei­ne Be­mü­hun­gen zen­tral und um­sich­tig zu­gleich an­ge­setzt hat­te. Wir wis­sen, daß sich der Strahl­kraft sei­ner Über­zeu­gung auch mili­täri­sche Vor­ge­setz­te nicht ent­zie­hen konn­ten. Daß er ihr in Wort und Tat Aus­druck gab, ohne je ein Unter­pfand der Er­fül­lung sei­ner Hoff­nun­gen ge­se­hen zu ha­ben, ist Be­weis seiner Tap­fer­keit.

Hin­ge­gen will man uns eine an­de­re Tap­fer­keit weis­ma­chen. Man er­zählt un­se­rer Ju­gend, Tap­fer­keit sei, auf Men­schen zu schie­ßen, die ei­nem nie et­was ge­tan ha­ben, mit dem Ri­si­ko, von Men­schen er­schos­sen zu wer­den, de­nen man selbst nie et­was zu­lei­de ge­tan hat. Al­fred Ra­bof­sky steht mit sei­nem Han­deln und sei­nem Stre­ben, mit der Ein­sam­keit sei­ner Ent­schei­dung, als die Nacht über Ös­ter­reich lag, mit sei­nem Auf­stand gegen die brau­ne Staats­ge­walt an der Schwel­le ei­nes neu­en Zeit­al­ters. Er ist das Bei­spiel für die neue Tap­fer­keit, die zu de­fi­nie­ren ist als der Mut, im­mer und über­all, sei es ge­le­gen oder un­ge­le­gen, für die Mensch­lich­keit und die Mensch­heit Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, als Mut, der Un­mensch­lich­keit un­ge­hor­sam zu sein bis zum Tode.

Al­fred Ra­bof­sky, Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Ju­gend und der il­le­ga­len Ge­werk­schaf­ten: Be­reits Ende 1945 fin­det sich ein Nach­ruf für ihn, in dem es heißt: „Tau­sen­de ös­ter­rei­chi­sche Ar­bei­ter sind auf dem Weg der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei durch die Jah­re des Ter­rors als Op­fer ge­blie­ben. Der Name des Jung­kommu­nis­ten Fredl Ra­bof­sky wird auf der Eh­ren­ta­fel al­ler die­ser Ge­fal­le­nen be­son­ders leuch­ten, so lan­ge die Ar­bei­ter­be­we­gung ihre To­ten eh­ren wird.“ In ähn­li­chen Wor­ten ge­dach­te die Ge­werk­schaft sei­ner.

War der Weg und das Ende die­ses Jung­ar­bei­ters, in dem sich der Kampf um Frei­heit für Ös­ter­reich und für die Ar­bei­ter­klas­se, ge­gen Na­zis­mus und ka­pi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­weise ver­bin­den, ein Irr­weg?

Am sel­ben Tag wie Al­fred Ra­bof­sky star­ben hier noch vie­le an­de­re „Hoch­ver­rä­ter“ und „Wehr­kraft­zer­set­zer“. Mir er­scheint als das We­sent­lich­ste an die­sem durch eine per­ver­se Ju­stiz le­ga­li­sier­ten Mas­sen­mord, daß an die­sem 19. Sep­tem­ber 1944 Ös­ter­rei­cher ver­schie­de­ner Rich­tung in den Tod ge­schickt wur­den, ein­sam zwar in ih­rem Ster­ben, das in die­sem Hin­rich­tungs­raum um so schwe­rer auf uns las­tet, aber ge­mein­sam in ih­rem Be­frei­ungs­wil­len und in der Ver­traut­heit ih­res Zu­sam­men­wir­kens.

Ich möch­te mich als Ka­tho­lik und Nicht­kom­mu­nist ge­ra­de auch heu­te be­ken­nen zu die­sem Be­frei­ungs­wil­len und sei­ner Ge­mein­sam­keit. Ich stand vor der Wahl, hier als So­zia­list und Christ das Ge­den­ken für den Kom­mu­nis­ten Fredl Ra­bof­sky wach­zu­ru­fen, oder es als für ei­nen Nicht­kom­mu­nis­ten in­oppor­tun zu be­zeich­nen und ab­zu­leh­nen. Ich hof­fe, es ist je­der­mann ver­ständ­lich, wa­rum ich mich dank­bar und mit vol­lem Her­zen an die Sei­te des to­ten Fredl Ra­bof­sky und sei­ner zehn­tau­sen­den Mit­kämp­fer ge­stellt ha­be. Ich ap­pel­lie­re an die Bun­des­re­gie­rung als ein­fa­cher Staats­bür­ger die­ser Re­pub­lik, sie mö­ge sich end­lich of­fen und vor al­ler Welt dis­tan­zie­ren von der Kon­ti­nui­tät, vom schmach­vol­len Ges­tern. Dies in ei­nem Be­reich, in dem es tat­säch­lich kei­ne Neu­tra­li­tät ge­ben kann, weil er über alle Gren­zen hin­aus­geht und alle Zei­ten um­faßt. Ich appel­liere an sie, nicht län­ger zu schwei­gen, son­dern sich zu ent­schei­den für jene, de­ren al­ler wir heu­te in Al­fred Ra­bof­sky sym­bo­lisch ge­den­ken.

Ent­sin­nen wir uns je­ner Wor­te, die in der Zeit­schrift „Die Fur­che“ vom No­vem­ber 1962, in ei­nem Nach­ruf für Fried­rich Lein­böck-Win­ter und den Kar­me­li­ter­pa­ter Au­gust Wörndl, zu le­sen waren: „Kön­nen wir uns noch ins Auge se­hen, so­lan­ge wir nichts ge­tan ha­ben, die ver­gan­ge­nen Din­ge vor Gott und der Welt in das rich­ti­ge Licht zu rüc­ken? … Un­ser Schwei­gen gibt den Mör­dern recht, un­se­re Un­tä­tig­keit ih­ren Un­ta­ten und je­nem Ge­rau­ne in ver­stock­ten Schich­ten un­se­rer Be­völ­ke­rung, … es seien „kei­ne Un­schul­di­gen“ ge­we­sen, die da­mals durch das Fall­beil star­ben … “ Ös­ter­reichs in­ne­re Kraft und Stär­ke hängt heu­te mehr denn je von sei­nem offe­nen Be­kennt­nis zu sich selbst ab. Die­ses aber ist un­ab­lös­bar vom Be­kennt­nis zu je­nen, die für Ös­ter­reich ge­stor­ben sind!

Wegen der jun­gen Men­schen un­ter uns wol­len wir da­ran er­in­nern, daß der Na­zis­mus eine Mord­ma­schi­ne­rie auf­ge­baut hat­te, die in der Ge­schich­te ohne Bei­spiel da­steht.

Die Mör­der wer­den im­mer noch ge­jagt, wenn auch nicht ge­ra­de mit gro­ßer Hin­ga­be. Wo­rauf man aber kei­nes­falls ver­ges­sen darf, ist die Mord­jus­tiz; wo die Nazi mor­de­ten, ta­ten sie es wie im Fall der Ju­den in grau­en­haf­ter Per­ver­si­tät.

Wel­ches an­de­re Re­gi­me, wel­che an­de­re Wahn­idee hät­te es zu­we­ge ge­bracht, die „Er­zeu­gung von Lei­chen“ fa­brik­mä­ßig zu be­trei­ben? Am schwer­sten wiegt je­doch die na­zis­ti­sche Per­ver­tie­rung der Jus­tiz – die­ses Wort be­deu­tet ei­gent­lich Ge­rech­tig­keit – zur Mord­ma­schine. Wenn man schon die Mör­der schont, um ih­nen Po­si­tion, Ge­halt und Pen­sion zu si­chern – wo­bei ih­nen die Epo­che des Mor­dens auf die Dienst­zeit an­ge­rech­net wird –, so wäre es doch ein Mini­mal­er­for­der­nis, die Ge­mor­de­ten von der Un­ge­heu­er­lich­keit der ih­nen an­ge­las­te­ten Nazi­ver­leum­dun­gen zu be­frei­en. Ich fra­ge: „Wann wird end­lich das of­fi­ziel­le Ös­ter­reich die Hel­den sei­nes Frei­heits­kamp­fes voll an­er­ken­nen?“

In Ös­ter­reich ging lan­ge dar­über die Dis­kus­sion, ob auf den Uni­for­men des Bun­des­hee­res die De­ko­ra­tio­nen aus den Hit­ler­schen Raub­krie­gen ge­tra­gen wer­den soll­ten oder nicht. Bei all dem Dis­ku­tie­ren, das 1945 nur von hoff­nungs­lo­sen Nar­ren für je­mals mög­lich ge­hal­ten wor­den wäre, konn­te leicht in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten, was als das ei­gent­lich Ver­nünf­ti­ge, De­mo­kra­ti­sche, dem wie­der­er­stan­de­nen Ös­ter­reich An­ge­mes­sene an­ge­se­hen wer­den muß: die De­ko­ra­tion der Wi­der­stands­kämp­fer, der le­ben­den und der to­ten. Da ging kürz­lich bei ei­nem so­ge­nann­ten Ka­me­rad­schafts­tref­fen, wie sie bei uns zur Pfle­ge der Wehr­machts­tra­di­tion merk­wür­di­ger­wei­se im­mer noch er­laubt sind, ir­gend­ei­nem „Ka­me­ra­den“ im Ge­drän­ge eine sil­ber­ne Nah­kampf­span­ge ver­lo­ren. Sie war ihm nach den Aus­zeich­nungs­re­geln der Hit­ler-Wehr­macht ver­lie­hen wor­den, weil er „das Weiße im Auge des Fein­des“ – un­se­rer Brü­der in frem­den Län­dern – ge­se­hen hat­te. Al­fred Ra­bof­sky hat wie so vie­le Zehn­tau­sen­de sei­ner er­mor­de­ten Ge­fähr­ten in un­zäh­li­gen Ver­hö­ren das Weiße in den blut­gie­ri­gen Au­gen der Hen­ker in schwar­zen und brau­nen Uni­for­men ge­se­hen, ohne daß er auch nur ei­ner offi­ziel­len Er­wäh­nung durch das de­mo­kra­ti­sche Ös­ter­reich, für das er ge­stor­ben ist, für wür­dig be­fun­den wäre. Es ist nicht sinn­reich, dies nur grol­lend fest­zu­stel­len Wir sprechen in al­ler Deut­lich­keit die For­de­rung aus, die­ses für die Ehre Ös­ter­reichs un­trag­ba­re Ver­säum­nis end­lich gut­zu­ma­chen, und wir wer­den die­se For­de­rung so lan­ge wie­der­ho­len, bis sie er­füllt ist.

Die von der Nazi­jus­tiz zum Tode Ver­ur­teil­ten war­te­ten Mo­na­te, oft Jah­re auf das Fall­beil. Pfar­rer Rie­ger, der Wie­ner evan­ge­li­sche Ge­fäng­nis­geist­li­che, schil­dert uns den Vor­gang, den hier wie­der­zu­ge­ben Sie mir, bitte, we­gen sei­ner Grau­en­haf­tig­keit er­spa­ren mö­gen.

Jeden­falls, den un­schul­dig und ge­wis­sen­los Ver­ur­teil­ten und Hin­ge­rich­te­ten wur­de ein Be­gräb­nis, eine kirch­li­che Ein­seg­nung ver­wei­gert, kein kennt­li­ches Grab ge­währt.

Vor zehn Jah­ren, am 10, Todes­tag Fredl Ra­bof­skys, sprach an die­ser Stelle mein Freund Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor Fried­rich Heer. Sei­nen Worten von da­mals wäre ei­gent­lich kaum etwas hin­zu­zu­fü­gen, hät­te sich nicht aus erst spä­ter ver­öf­fent­lich­ten Zeug­nis­sen des Ge­fäng­nis­pfar­rers Rie­ger er­ge­ben, daß Al­fred Ra­bof­sky als Christ ge­stor­ben ist. Un­voll­stän­di­ge Zi­ta­te in der sonst so ver­dienst­vol­len Pub­li­ka­tion „Die Stim­me des Men­schen – Brie­fe und Auf­zeich­nun­gen aus der gan­zen Welt 1939 bis 1945“ führ­ten den sow­je­ti­schen Li­te­ra­tur­kri­ti­ker Gins­burg zu den Fehl­schluß, Al­fred Ra­bof­sky ha­be im Ge­fäng­nis an­ge­sichts sei­nes To­des in der Form des Got­tes­glau­bens ka­pi­tu­liert. Eine öf­fent­li­che Dis­kus­sion rück­te die letz­ten authen­ti­schen Äuße­run­gen Fredl Ra­bof­skys ins Licht: Er hat vor der Nazi­bar­ba­rei nie­mals ka­pi­tu­liert. Der Glaube an Gott stand sei­nem Glau­ben an den Men­schen nicht im Wege; er hat nicht den ei­nen Glau­ben ge­gen den an­de­ren ein­ge­tauscht, son­dern es war ein ein­zi­ger le­ben­di­ger Glau­be an die gan­ze große Wirk­lich­keit, der ihn zu­letzt er­füll­te, der ihn sei­ne Ge­fähr­ten nicht preis­ge­ben ließ und der ihn so ru­hig und ge­faßt hin­über­ge­hen ließ, wie er, wäre es ihm ge­ge­ben ge­we­sen, die Ma­schi­nen­pis­to­le gegen die Hen­ker von Ausch­witz und Maut­hau­sen ge­rich­tet hät­te. Die­ser so ent­schlos­se­ne Glau­be soll eben­so­we­nig um­schwie­gen wer­den wie die bis zum Ende wäh­ren­de kom­mu­nis­ti­sche Über­zeu­gung. Ge­ra­de das Un­ge­wöhn­li­che an die­ser Ver­bin­dung von zwei schein­bar ab­so­lu­ten Ge­gen­sätz­lich­kei­ten soll­te uns den Ver­dacht na­he­le­gen, daß die her­kömm­li­chen Wege des Glau­bens an den Men­schen ohne den Glau­ben an Gott, aber mehr noch ei­nes Glau­bens an Gott, der nur all­zu leicht be­reit war, sich in sei­nem Glau­ben an den Mens­chen, an­ge­sichts der Bar­ba­rei, auf Wehr­macht­seel­sorge, Feld­bi­schö­fe und Er­ge­ben­heits­bot­schaf­ten zu re­du­zie­ren, falsch sind: Al­fred Ra­bof­sky for­dert uns auf, die Halb­hei­ten und da­mit das To­ta­li­täre an un­se­ren Über­zeu­gun­gen auf­zu­ge­ben und da­mit ei­ner ein­zi­gen gro­ßen ge­mein­sa­men Über­zeu­gung ent­ge­gen­zu­wach­sen, aus der al­lein wir die gro­ße Frei­heit ge­bä­ren kön­nen, die die Vor­aus­set­zung ist, daß end­lich Frie­de werde in der ei­nen Welt.

Wir alle, die wir uns heute hier ver­sam­melt haben zum Ge­den­ken an Al­fred Ra­bof­sky und all die an­de­ren, die mit ihm das Blut­zeug­nis auf sich ge­nom­men und das Opfer ih­res Le­bens ge­bracht ha­ben, wer­den nun hi­naus­tre­ten in die Hast und das Ge­trie­be ei­ner Welt, die, soll sie heil wer­den, von uns zu­aller­erst ei­nes ver­langt: die Kraft zum Wider­stand auch im Klein­sten, in den so­ge­nann­ten klei­nen Leu­ten und in den klein­sten Din­gen. Die bar­ba­ri­schen Kräf­te des Na­zis­mus, die Al­fred Ra­bof­sky zur To­des­ma­schine schleif­ten, sind stets bereit, ihr Werk aufs neue zu be­gin­nen. Ihr Schritt­ma­cher ist der kon­for­mis­ti­sche Op­por­tu­nis­mus al­ler Far­ben, die er­ge­ben­schlam­pige Ja-und-Amen-Sage­rei, das Ge­fäl­lig­wir­ken wol­len, wo es des ent­schlos­se­nen Nein be­darf. Die­se Kraft zum Wider­stand, hin­ter der die Sor­ge um den Men­schen und das Leben steht, wird uns und die­sem gan­zen Lan­de Ös­ter­reich nur kom­men, wenn wir das ei­gent­lich Große am Leben er­ken­nen und da­raus vor al­ler Welt ein of­fe­nes Be­kennt­nis machen. Das ei­gent­lich Große aber ist die furcht­lose Über­zeu­gungs­treue und der Op­fer­mut des ein­fa­chen Set­zers und Sani­tä­ters Alfred Rabofsky.

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