Albert Massiczek
1916–2001

Aus dem Manuskript zu „Tod, Angst, Geld, Kind, Kosmos“:

Widerstand heute!

Ein Schlußwort

„Wäre nicht ich für mich, wer sollte sonst für mich sein? Und wenn nicht jetzt, wann sonst?“ Eine alte jüdi­sche Spruch­weis­heit. Sie wurde mir wäh­rend des Sin­nens nach einem Schluß­wort zitiert. Aus ihr folgt: Je mehr ich für mich als Gan­zes im Jetzt bin, desto mehr kann ich auch für andere sein. Und wie könn­te ich „mehr“ für mich werden? Indem ich mich von dem tren­ne, was mich schwächt.

Mich haben mein Le­ben lang meine Ängste ge­schwächt. Nicht so sehr Ängste vor Fein­den. Ich habe kaum Fein­de, aber viele Freun­de. Stand ich doch ein­mal einem Feind gegen­über, er war mei­stens Vor­ge­setz­ter oder son­sti­ger Macht­ha­ber, so schwäch­te mich in er­ster Li­nie nicht die­ser, son­dern meine eige­nen ur­al­ten Äng­ste. Sie wa­ren es, die sogar ein Nichts zu un­be­sieg­bar schei­nen­der Mon­stro­si­tät auf­pump­ten. Woher diese Äng­ste?

Die Bibel fordert auf, sogar die Fein­de zu lie­ben. Wer waren die Fein­de, die uns im ganz frü­hen Leben äng­stig­ten? Für mich weiß ich jetzt, daß es meine el­ter­li­che Fami­lie war. In den am wei­tes­ten zu­rück­reic­hen­den Er­inne­run­gen ist es vor allem der etwas äl­te­re Bru­der. Noch in den mitt­le­ren Lebens­jahr­zehn­ten war ich ver­sucht, jenen Typen aus­zu­wei­chen, die an ihn, den mir kör­per­lich Über­le­ge­nen er­in­ner­ten. Soll­te ich die­sen Bru­der noch heu­te als Feind be­trach­ten? Nein. Ich habe ihn nur als Klein­kind als sol­chen emp­fun­den. Dies hat sich mit den Jah­ren ver­lo­ren. Aber die kind­li­che Furcht ist ge­blie­ben. Sie habe ich in mir un­wis­sent­lich als eine von mir selbst aus­ge­hen­de, mit ei­ge­nen Kräf­ten ge­speis­te Feind­lich­keit ge­spei­chert. Sie war es, die im spä­te­ren Leben die akut von außen ver­ur­sach­ten Ängste ge­wal­tig ver­stärkt hat. Eine wahr­schein­lich noch größere, aber doch etwas mehr war­nen­de als dro­hen­de Rolle spielte bis gegen Ende des sechs­ten Lebens­jahr­zehnts die Mutter. Eben­falls nicht zu über­se­hen­de Kom­po­nen­ten meines Angst­pa­kets kamen vom Vater und den üb­ri­gen Ge­schwis­tern.

Trau­mata aus der Kind­heit schleppt wohl jede(r) mit sich herum. Der ver­brei­tet­ste Weg, sie zu ver­drän­gen, sind Ehe­schlie­ßung oder Lebens­part­ner­schaft. Der Ent­schluß zu Be­zie­hun­gen „bis daß der Tod uns schei­det“ wird ge­wöhn­lich als happy end an­ge­se­hen. Aber das kann er nicht sein, solang nicht die Ver­söh­nung mit den er­sten „Fein­den“ statt­ge­fun­den hat. Sonst tritt die neue Ver­bin­dung un­ver­meid­lich in die früh­kind­li­chen Schat­ten. Ganz al­tes „Feind­li­ches“ wird in seiner Ele­men­ta­ri­tät auf Part­ner oder Part­ne­rin über­tra­gen und kann sich schon beim Streit um Lappa­lien zer­stö­re­risch aus­wir­ken. Mit der ei­nen Per­son, der man sich ver­schrie­ben hat, läßt sich Welt­iden­ti­tät, will heißen: mit Mensch­heit, Tie­ren, Pflan­zen, Stei­nen, Luft, Was­ser etc., auch beim bes­ten Wil­len nicht be­werk­stelli­gen, solang nicht je­der für sich die inner­e Ab­spal­tung des Angst­teils der Per­sön­lich­keit über­wun­den hat.

Kin­der wer­den nicht da und dort ge­schä­digt, sondern mas­sen­haft und von­ein­an­der iso­liert. So er­ga­ben und er­ge­ben sich jene „nor­ma­len“ Ver­hal­tens­wei­sen, die auch heu­te un­se­ren Um­gang mit­ein­an­der prä­gen. Vor al­lem in den Fa­mi­li­en, aber auch in Par­tei­en, Na­tio­nen, Re­li­gio­nen und al­len son­sti­gen In­sti­tu­tio­nen; und kreuz und quer auch zwi­schen all diesen so­zia­len Ge­bil­den. Das letz­te Glied sol­cher Ver­hal­tens­mis­ere kann nur un­ser aller Un­ter­gang sein. Denn un­ser Po­ten­tial, aus Angst in­di­vi­du­ell und kol­lek­tiv Prä­ven­tiv­schlä­ge aus­zu­tei­len, hat sich in der Mo­der­ne durch den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt ver­mil­lio­nen­facht. Auf Knopf­druck ließe sich al­les Le­ben ver­nich­ten. Sogar min­des­tens fünf­zehn­mal. (Welch Gip­fel un­se­rer auf­ge­klär­ten Ver­nunft!)

Immer kla­rer zeig­te sich mir ein un­ge­heuer­li­cher Zu­sam­men­hang: Früh­kind­liche Äng­ste und Un­ter­drüc­kung der ei­ge­nen Sen­si­bi­li­tät – Trend zur all­gemei­nen Ge­fühl­lo­sig­keit – See­len­ver­kür­zung als Schul­ziel – Pri­mat des Ver­nunft- und Wis­sen­schafts­glau­bens – Ver­drän­gung von Ge­burts­um­stän­den und Mut­ter­schoß – Machis­mus, Sexis­mus, Patri­ar­chat – Ver­drän­gung und Inferi­ori­sie­rung der Frau und al­les Weib­li­chen – Ver­drän­gung des Ster­ben­müs­sens, des To­des und der To­ten – Mas­sen­mord als ge­sell­schaft­li­che Flur­be­rei­ni­gung statt Rei­fen zu in­di­vi­du­el­ler „Feind“- und Tod­ak­zep­tanz – „Der Jude“: Salz der Erde, da­rum Sün­den­bock – Holo­caust: Ou­ver­türe zum Welt­un­ter­gang.

Läßt sich solch ein Ring des Verderbens durchbrechen?

Es gilt, die Sache an der Wurzel zu fas­sen. Jeder Er­wach­se­ne wäre grund­sätz­lich im­stan­de, sein ei­ge­nes Angst­pa­ket aus der Kind­heit auf­zu­schnü­ren und sich zu be­frei­en.

Schon von weni­gen aus­ge­führt, wäre das die Neu­ko­die­rung für die Zu­kunft alles [sic] Le­bens. Die in den Kin­der­äng­sten ge­bun­de­nen Ener­gien wür­den, ein­mal be­freit, zur Heil­kraft für alle.

Als Kin­der ha­ben wir uns aus Angst ge­gen die inner­fami­liä­ren Fein­de ab­ge­schirmt und ein­ge­mau­ert. Es war das Werk des In­stinkts und der kind­li­chen Ver­nunft in der Ab­wehr er­wach­se­ner und in­sti­tu­tio­na­li­sier­ter Ge­fühl­lo­sig­keit und Un­ver­nunft. Als Er­wach­se­ne sind wir im­stan­de, die­ses Ge­sche­hen zu durch­schau­en, die Kin­der­angst auf ihre Ur­sa­chen zu un­ter­su­chen und die „Fein­de“ von da­mals als das zu er­ken­nen und zu lie­ben, was sie selbst wa­ren: eben­falls angst­ge­pei­nig­te, von­ein­an­der iso­lier­te Men­schen­kin­der aller Al­ters­stu­fen. Ver­söh­nung, Friede, Ver­zei­hung kön­nen die be­stim­men­den Kräf­te des Um­gangs mit diesen Fein­den wer­den, seien sie schon tot oder noch le­bend.

Stephanie Merritt ver­dan­ke ich den Im­puls, die vor­an­ste­henden Ka­pi­tel [des Buches „Tod, Angst, Geld, Kind, Kosmos – Merk­zei­chen ei­ner Selbst­ge­burt“; siehe unter Pub­li­ka­tio­nen] nie­der­zu­schrei­ben und zur am mei­sten sinn­stif­ten­den Ar­beit mei­ner letzt­ver­gan­ge­nen drei Le­bens­jahre zu ma­chen.

Ver­gan­ge­ne Jahr­hun­der­te haben die als sol­che un­er­kann­ten Kind­heits­äng­ste Sün­den­böc­ken auf­ge­la­den, in der west­li­chen Welt mei­stens den Ju­den. Nach dem Ende des Holo­caust lag es nahe, sie den Deut­schen allein auf­zu­bür­den. Wie alle Kol­lek­tiv­ver­ur­tei­lun­gen ist auch die­se falsch. Vor al­lem aber lenkt sie ab von der wah­ren Auf­ga­be: die Welt zu ret­ten.

Die Tech­no-Zivi­li­sa­tion der Mo­der­ne ist ge­speist vom Angst­stau von­ein­an­der iso­lier­ter In­di­vi­duen. Die Gier nach mehr ei­ge­ner Lebens­sicher­heit treibt die Ver­ein­sam­ten zum pa­ni­schen Nie­der­tram­peln der an­de­ren und der Welt. Auf die­se Wei­se wird nicht das an­ge­streb­te Pa­ra­dies auf Er­den er­reicht, son­dern im Wege der Tod­ver­drän­gung Tod pro­vo­ziert und pro­du­ziert.

Alice Miller hat in einer The­ra­pie er­lernt, sich „sys­te­ma­tisch Schritt für Schritt ihrer Kind­heit zu nä­hern“. Es ge­lang ihr, aus dem Be­wußt­sein ver­bann­tes Wis­sen über ihre frü­hen Jahre wach­zu­ru­fen. Mei­ne Er­fah­run­gen mit mir selbst ent­spre­chen den ih­ren. Auch mein Le­ben nach der Kind­heit of­fen­bar­te sich als „die ‚Iso­lier­haft des wah­ren Selbst‘ im Ge­fäng­nis des fal­schen“.1) Auch ich ver­ste­he die Trau­ma­ta mei­ner Kindheit als ebenso tragisch wie fruchtbar. Ich erlernte, Fehlverhalten meiner Eltern und Geschwister ein­fühl­sam, da­mit ver­zei­hend zu ver­steh­en, Im Gleich­klang er­neu­er­te und ver­tief­te sich die Be­zie­hung zu ih­nen. Ohne daß der Tod sei­nen Sta­chel gänz­lich ver­loren hätte, ent­deck­te ich im Da­sein den Kon­ti­nent der To­ten. Er ist von der mo­der­nen Tech­no-Zivi­li­sa­tion zum Nichts ge­macht wor­den. Mit ihm aber ge­rade jene Per­so­nen, die wir be­nö­ti­gen, um un­sere Kind­heits­äng­ste auf­zu­ar­bei­ten.

Im Um­gang mit den längst ver­stor­be­nen El­tern und Ah­nen lern­te ich Liebe üben und neu ver­ste­hen. Nicht nur Lie­be zu den To­ten. Thorn­ton Wil­der kam in „The Bridge of San Luis Rey“ (1927) zum Schluß, daß die ein­zi­ge Brücke zu den To­ten die Liebe sei. Mir wur­de be­wußt, daß das be­harr­li­che Er­bauen der Brücke zu ih­nen die ein­zi­ge Me­tho­de ist, uns selbst und die noch Le­ben­den lie­ben zu ler­nen.


1) Alice Miller: Das Drama des begab­ten Kin­des und die Suche nach dem wah­ren Selbst. (Frank­furt/M. 1983) S. 11

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