Albert Massiczek
1916–2001

„Die Zukunft“, Rubrik „Tribüne der Zukunft“, Heft 20, Oktober 1970, 16 ff.

Zur Nazischuld: Bewertung ist Selbstbewertung

Von Albert Massiczek

Bundeskanzler Kreisky hat erklärt, für ihn seien nur jene Nazis schuldig, die in der Hitlerzeit Verbrechen verübt haben. Denselben Standpunkt bezog Manfred Scheuch.1

Ich war Nazi und fühle mich zum Widerspruch verpflichtet; zum Widerspruch nicht nur hinsichtlich meiner Vergangenheit als Anhänger Hitlers, sondern auch angesichts meiner Vergangenheit in den darauffolgenden 32 Jahren, also in den Jahren, die ich kein Nazi mehr bin; zum Widerspruch auch als Demokrat und Mitglied der SPÖ – und schließlich als Gegner jeder Verharmlosung und Vereinfachung. Kreisky und Scheuch versuchten, ein Problem durch eine ihnen richtig scheinende öffentliche Feststellung aus der Welt zu schaffen. Ich bin der Meinung, daß ihre Feststellung falsch ist und das Problem dadurch noch weiter verschleppt wird, Als Problem, das an die Wurzeln unserer Demokratie und unserer Einstellung zum Sozialismus rührt, ist es ein Problem der Demokratie und des Sozialismus.

Versäumte Schuldbewältigung

Entweder das bloße Nazisein bedeutet an sich keine Schuld – dann hätte es keine Verbotsgesetze mit all ihren Folgen auch für die kleinen Nazis geben dürfen; dann hätte man den Umstand, daß Politiker anderer Parteien einst NS-Mitglieder waren, nie ins Treffen führen dürfen; dann wären einfache Nazis 1945 oder 1950 nicht weniger schuldlos gewesen als heute. (Der Satz, nach einem Vierteljahrhundert müsse man endlich einmal Schluß machen, von der Nazivergangenheit eines Menschen zu reden, hat für die Frage nach der Schuld keinerlei Gewicht; er kommt aber einem Versuch gleich, die Schuldfrage gar nicht erst aufkommen zu lassen.)

Oder bereits das bloße Bekenntnis zur NSDAP in der Zeit ihrer Herrschaft oder davor bedeutet Schuld; dann irren Kreisky und Scheuch mit ihren Ansichten nicht bloß abstrakt-individuell, sondern auch als demokratische Sozialisten, und zwar mit nicht unbeträchtlichen Folgen für Partei und Demokratie, da es sich ja bei ihnen nicht um unbekannte Genossen handelt.

Um die Grundfragen, auf die es letztlich ankommt, vorweg zu stellen: Wieso kann man als gewesener Nazi Verantwortung in der SPÖ übertragen bekommen, ohne seine Vergangenheit als Schuld anzusehen? Wieso kann es einen nahtlosen Übergang geben von der NSDAP zur SPÖ? Und: Soll Kreiskys und Scheuchs Stellungnahme bedeuten, daß diese Frage nun, sozusagen als Reflex auf eine bestimmte innenpolitische Situation, via facti für allezeit und für die ganze Partei beantwortet ist? Ein Ja auf diese Fragen wäre zwar eine Erklärung für manches rätselhafte Verhalten der Partei in den letzten Jahren, eine Erklärung in dem Sinn, daß es sich dabei um den Ausdruck des Verblassens fundamentaler sozialistischer Grundsätze gehandelt hat; aber es wäre auch das Ende dieser Grundsätze, selbst das Ende der bisherigen sozialdemokratischen Einschätzung von Wert und Würde des Menschen.

Die Regierungsbildung durch die SPÖ hat die von vielen für längst antiquiert gehaltene Schuldfrage neu aufgeworfen. Vielfältige Emotionen lassen darauf schließen, daß ein so gut wie unbewältigter Problemkomplex berührt worden ist. Zwar gab es den Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ schon knapp nach der Niederwerfung des Dritten Reiches – man stellte sich darunter eine vor allem durch die Aufdeckung der Naziverbrechen bewirkte, eindeutig verurteilende Einstellung zum gestürzten Regime vor, eine Einstellung, welche Verbrechen wie die eben verübten in Hinkunft unmöglich machen würde.

Kollektivschuld und Kollektivunschuld

Das Wort Vergangenheitsbewältigung degenerierte vom Appell, wie ihn etwa Erich Kästner meint, sehr bald zum Etikett für jene gewaltige Schublade, in welche Tagespolitiker und sonstige Verantwortliche gern all das fallen lassen, was sie zu bewältigen nicht imstande oder nicht willens sind. Es hätte zur Bewältigung der Vergangenheit eines gewissen Aufwandes an Bewußtsein und Gewissen bedurft, also jener menschlichen Qualitäten, durch deren Irregeführtsein beziehungsweise gänzliches Fehlen die Verbrechen des Naziregimes möglich geworden waren. Den Verdrängungsmechanismus unterstützten zwei unglückselige Verallgemeinerungen: Kollektivschuld und Kollektivunschuld – welch letztere allerdings nicht die Prägung zum Schlagwort erfuhr. Die erste Verallgemeinerung verleitete dazu, vom Grad der individuellen Schuldbeteiligung abzusehen: Wenn „alle Deutschen“ schuld sind, können sich die Meier, Müller und Schulze ersparen, die eigene Schuld zu ergründen – und erst recht die Österreicher. Die zweite Verallgemeinerung, die These von der Kollektivunschuld, verführte gleichfalls dazu, vom Schuldausmaß des einzelnen (kleineren) Nazis abzusehen, wenngleich aus einem anderen Grund: dem des ungeheuerlichen Schuldausmaßes einer relativ geringen Zahl von Schwerstbelasteten. So ist etwa die Meinung, Hitler und seine engsten Vertrauten seien „an allem schuld“, derart eingängig und bequem, daß sie der philosophierende Durchschnittsverstand sehr gern zu seiner Devise macht. Zu kurz kommt bei solchem Verallgemeinern, das ja immer auch Simplifizieren bedeutet, das konkrete Besondere, nämlich das Individuum als das eigentliche Agens und Movens von Verbrechen und Komplizenschaft aller Grade, aber auch die Gesellschaft als Ganzes, als Gemeinsames der Schuldlosen und der Schuldigen mit ihrem jeweils verschiedenen Schuldanteil. Weit davon entfernt, bewältigt zu werden, verlor sich die unter der Naziherrschaft von Großen und Kleinen aufgehäufte Schuld in dem Maße aus dem individuellen Bewußtsein, als sie in ihren Hauptrepräsentanten sichtbar abgeurteilt und zugleich durch Verallgemeinern und Simplifizieren immer mehr zur Abstraktion wurde, damit zu einem der Masse ihrer Erzeuger entfremdeten „Produkt“. Dergestalt wurde „Schuld“ zum öffentlichen Gesprächsgegenstand, so, als handle es sich dabei um längst Bewältigtes; gerade als Materie des öffentlichen und privaten Geschwätzes entzog sie sich am sichersten der einzig möglichen, nämlich der persönlich-existentiellen Bewältigung. Die „Entnazifizierung“ von Staats wegen brachte, wenn man von der Tätigkeit der Gerichte absieht, zwar „Sühne“-Maßnahmen, darunter die vorübergehende Ausschaltung der „Ehemaligen“ aus der Tagespolitik, aber keinerlei aktive Bewältigung – und wo wäre eine solche schon gefragt gewesen! Hingegen forderten die staatlichen Maßnahmen den „Entnazifizierten“ geradezu heraus, seine Mitschuld an den Naziverbrechen als mit einem Zuschlag zu Lohn- oder Einkommensteuer tilgbar anzusehen, zu schweigen von jenen „Ehemaligen“, die als solche gar nicht aufschienen, weil ihnen kein „Formaldelikt“, nämlich keine Zugehörigkeit zu den im Verbotsgesetz aufgezählten Formationen vorzuwerfen war.

Die Politik der demokratischen Welt erleichterte und förderte den Prozeß der gesellschaftlichen und persönlichen Schuldverdrängung. Kaum entnazifiziert, wurde man auch schon umworben – als Staat von den anderen Staaten, als Staatsbürger von den demokratischen Parteien. Von Schuld war nicht mehr die Rede, es sei denn, es lag im momentanen Interesse, von den Schuldigen der anderen Seite zu sprechen. Auch dies führte von der Schuldbewältigung weg. Was konnte es schon mit einer Schuld auf sich haben, die zum Mittel propagandistischer Vorwürfe geworden war und über die man geflissentlich schwieg, wenn es galt, die „Ehemaligen“ für die eigene Partei zu mobilisieren …

Demokratie und Sozialismus brauchen Verantwortung

Das Schwätzen über die Nazischuld verhindert deren Bewältigung. Aber auch das Schweigen verhindert. Selbst wo Schuld empfunden wurde, kam es nicht zum Bekenntnis. „Ich war Nazi und weiß mich schuldig“ – dieser Satz, so einfach er ist, kommt im öffentlichen Vokabular nicht vor. Eben in dieser Form aber wäre Einsicht und Aussage am Platz und öffentlich wirksam. Solange an verantwortlicher Stelle geschwätzt und geschwiegen, solange nicht bewältigt und bekannt wird, ist alles übrige Reden und Tun zur Bewältigung zwecklos, weil von berufener Seite de facto dementiert und für überflüssig erklärt.

„Ich war Nazi und weiß mich schuldig.“ Würde dieser elementare Satz in nüchterner Selbsteinschätzung ausgesprochen, so bedeutete er, daß man sich zu seiner eigenen Vergangenheit und damit zu sich selbst bekennt. Er bedeutete, daß man sich sagt: „Ich war damals SA-Mann oder Blockwart oder förderndes Mitglied der SS oder sonst jemand, der sich in Wort und Lied, Sprechchor und Marschschritt zum Mordregime bekannte, und heute bin ich Mitglied oder Funktionär der SPÖ – das legt mir die Pflicht der Unterscheidung auf, aber auch des Einbekennens, daß ich damals einen falschen Weg gegangen bin, daß ich meine Haltung bewußt geändert habe, also nicht mehr Nazi bin, sondern aus meiner gereiften Erkenntnis Gegner des Nazismus und seiner Verbrechen.“ Durch solches Empfinden, solches Bekennen würde die abstrakt gewordene Nazischuld wieder zur greifbaren, sichtbaren, fühlbaren Realität. Bewältigung setzt diese Bindung der Schuld an ein verantwortliches Individuum voraus, an jemand, der die Bewältigung will, als eigene Leistung will. Bei einem öffentlichen Funktionär würde solch eigene Leistung zwangsläufig zur Leistung für die Öffentlichkeit, zur öffentlichen Leistung. Die Öffentlichkeit aber braucht ein Bekenntnis der als persönliche Schuld empfundenen Vergangenheit, ein Bekenntnis der Verantwortlichen von heute zur Verantwortlichkeit für ihre persönliche Vergangenheit, damit sie selbst Verantwortung und Verantwortliche. auch für die Gegenwart ernst nehmen und zugleich ihres eigenen Schuldenteils inne werden kann. Das Bekenntnis eines Funktionärs der Republik würde Öffentlichkeit, öffentliche Realität schaffen, so wie die Schuld durch öffentlich oder im Dienste einstiger Öffentlichkeit verübte Verbrechen zur öffentlichen Realität geworden und durch öffentliches Schwätzen und Schweigen der individuellen Verdrängung zum Opfer gefallen ist. Das Bekenntnis zur Vergangenheit holt die Schuld der Vergangenheit in die neue gesellschaftliche Wirklichkeit herein. Es macht sie aufs neue zum Gegenstand persönlicher Verantwortung. Schuld schwebt nun nicht mehr als Zubehör einer abstrakten Gesellschaft beziehungslos irgendwo in den Wolken, sondern gibt, selbst ernstgenommen, dem einzelnen und der Gesellschaft mehr Wirklichkeit, als sie je besaßen.

Real werden nun nicht bloß die vordem gesetzlich, publizistisch oder propagandistisch eskamottierten Stufen der Schuld zwischen Gleichgültigkeit und Massenmord, sondern auch der einzelne und seine Bindung an die anderen Individuen. Vordem Privatestes und Verheimlichtes wird durch das in Verantwortung gesprochene öffentliche persönliche Wort zur stärksten Verpflichtung für alle. Im gleichen Maße wächst auch die Autorität. Indem Verantwortliche Verantwortung hinsichtlich ihrer persönlichen Schuld bekunden, fallen sie zwar aus dem Rahmen traditioneller Autorität. Aber gerade damit werden sie frei für das Tragen demokratischer, funktionaler Autorität.

Schuldbewertung ist Selbstbewertung

Demokratie bedarf der Verantwortung nicht nur der Verantwortlichen im überkommenen Sinn, sondern aller an ihr Beteiligten. Sozialismus ist dort entpersönlichend (und darum trotz des Namens nicht Sozialismus), wo er Freiheit und Verantwortlichkeit der einzelnen durch Zwang ersetzt. Demokratie und Sozialismus sind in dem Maße Wirklichkeit, als sie den einzelnen ernst nehmen. Sie sind in dem Maße entnivellierend, entmassend, als sie die Persönlichkeit als unerläßliche Voraussetzung einer verantwortungsbewußten Allgemeinheit werten. Sie sind in dem Maße menschlich, als sie jeden Menschen als den Menschen ansehen. Sozialismus und Demokratie werden zur berechneten Phrase durch den, der der Schuld das Persönliche, den Personen ihre Schuld nimmt und durch die Verharmlosung des Mordes und all seiner Vorstufen die persönliche Individualität der Gemordeten negiert. Der Nazismus negierte den Wert bestimmter Menschen und Menschengruppen bis zu ihrer massenhaften industriellen Vernichtung. Sein Gegensatz ist die theoretische und praktische Anerkennung des Wertes und der Würde der Person. Demokratie und Sozialismus sind das wert, was sie unter anderem zur Achtung der Naziverbrechen leisten. Je weniger deutlich von Sozialisten und Demokraten der Trennungsstrich gezogen wird, desto weniger glaubwürdig, aber auch desto weniger praktikabel sind Sozialismus und Demokratie.

Schweigende Sozialisten, schwätzende Demokraten sind mitverantwortlich für die Nichtbewältigung, für die abgeschobene Verantwortung, verantwortlich für die Degradierung des Öffentlichen zum für die Person Belanglosen, des Persönlichen zum von der Öffentlichkeit unabhängigen Privaten, der Gesellschaft zur amorphen Masse, der Verantwortlichen zu Würdenträgern, sie sind verantwortlich für die Verniedlichung jedes von den Nazis Gemordeten zum Opfer eines Irrtums, eines bloßen Zwischenfalls. Ich kann unserem Parteivorsitzenden Kreisky sowie Manfred Scheuch den Vorwurf nicht ersparen, sich über diese Zusammenhänge hinweggesetzt zu haben.


1) In „Die Zukunft“ 15/16, 1970, S. 37, und „Arbeiter-Zeitung“, vom 8. August 1970.

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