Albert Massiczek
1916–2001

„Die Zukunft“, Heft 4, Februar 1965, 13 ff.

Auschwitz – vom Rechtsstaat ignorierbar?

Von Albert Massiczek

Was ist ein Verbrechen? Wir haben uns in unserer fachmännisch verwalteten Welt zur Beantwortung dieser Frage zu sehr den Juristen ausgeliefert. Sie haben das Wort zum Etikett einer schweren, gesetzlich verfolgbaren Straftat gemacht. Das heute gebräuchliche Etikett ist mehr als hundert Jahre alt. Das Wort aber ist älter und weiter. Es ist lebendig, wie alle Worte – und wir sind in dem Maße lebendig, als wir hinter dem Etikett erkennen, was das Wort bedeutet. Das Wort lebt und wächst mit dem Menschlichen, dessen Verirrung das Verbrechen ist. Schon in frühester Zeit war Verbrechen der Bruch von Recht und Rechtsfriede. Recht aber ist so wenig ein unabänderlicher Zustand, wie Menschlichkeit und Verbrechen. So sehr wir annehmen dürfen, daß das Recht mit dem Menschen zugleich auf dieser Erde erschienen ist, müssen wir auch feststellen, daß mit dem wachsenden menschlichen Bewußtsein auch Rechtsbewußtsein und Gewissen zunehmen, daß mit dem Recht auch die Pflicht wächst, es allen bewußt zu machen – und daß mit der gleichen Proportion auch die Mittel wachsen, die Ausmaße des Verbrechens ins Unermeßliche auszudehnen. Je dichter und intimer das menschliche Zusammenleben, je stärker die Kommunikation, je engmaschiger das Netz friedlich-geordneter gesellschaftlicher Verhaltensweisen, um so größer auch die Wirkung des Rechtsbruchs und die Folgen seiner Nichtahndung durch die Justiz. Die Etikettierung der Juristen hat die Verbrechensfähigkeit des Menschen nicht festzulegen vermocht. Aber die im Titel des Symposions gestellte Frage offenbart an einem überaus krassen Beispiel die Gefahr, die der heutigen Gesellschaft und ihrer Justiz droht: unglaubwürdig zu werden, weil das Gehaben, als hätte es kein Auschwitz gegeben und als schrieben wir heute 1852, nur als nachträgliche Billigung des Mordens ausgelegt werden kann. Ein Religionsdelikt von vorgestern, das gestern millionenfach Mord mit Quälerei und jeder nur denkbaren Form von Entwürdigung gezeitigt hat, ist heute als schweres Verbrechen zu beurteilen, weil die Verletzung religiöser Gefühle ja nur die Ausgangsbasis für ein der ganzen Welt bekanntes, haltloses, industrielles Morden war. Man weiß heute, im Gegensatz zur Vornazizeit, genau, daß Antisemitismus Mordlust ist. Ein Rechtsstaat, der auf sich hält, muß dem Rechnung tragen. Die Frage der Verjährung der Kriegsverbrechen ist für Regierung und Parlament nur eine von vielen Möglichkeiten, ein Bekenntnis in dieser Richtung abzulegen. Andere Möglichkeiten ergeben sich, wenn man den Antisemitismus etwas näher betrachtet.

Warum Judenhaß?

So jung der Ausdruck Antisemitismus ist – er wurde 1879 von Wilhelm Marr zum erstenmal gebraucht –, so alt ist der dahinter wohnende Geisteszustand und die ihm entspringende Bereitschaft, gegen die Juden gewalttätig zu sein. Zu Zeiten, als die Juden das Gelobte Land eroberten, war der Völkermord überall Sitte, ja „göttliches“ Gebot. Seither aber ist das Bewußtsein der Menschheit dreitausend Jahre vorangeschritten. Das enge Stammes- und Volksbewußtsein ist mehr und mehr zu einem erdumspannenden Menschheitsbewußtsein, herangereift. Das geschah im Zeichen der menschlichen Gleichheit, die aus dem jüdisch-biblischen Horizont von damals ihren Ausgang genommen hat. Und zugleich, man möchte sagen: gleich proportional, wuchs und gedieh der Antisemitismus, bis er an der Schwelle des Atomzeitalters und der Einen Menschheit seinen Höhepunkt erreichte. Weder als Christ noch als Marxist glaube ich an Zufall. Aber ich bin auf diesen Glauben auch gar nicht angewiesen. Es gibt genügend sichere Beweise für einen Zusammenhang, wenn man sich endlich entschlossen hat, das heiße Eisen erst anzufassen.

Die Eine Menschheit duldet keine teilbare Menschlichkeit. Wer heute gegen „den Italiener“, „den Russen“, „den Juden“ ist, ist gegen den Menschen. Die Juden aber haben noch einen Grund mehr als andere Menschengruppen, für Repräsentanten der Menschheit genommen zu werden. Seit Moses tragen sie das Gebot „Liebe deinen Nächsten als dich selbst“ durch die Menschheitsgeschichte. Damit sind sie die Vorboten der Einen Menschheit, aber auch deren genossenschaftlichen, das ist: sozialistischen – Zusammenlebens und -wirkens. Davon hört man freilich wenig. Und auch das erklärt sich aus dem Antisemitismus, und zwar aus seiner sublimsten und gefährlichsten Form. Sie besteht darin, daß man über die Juden einfach nicht spricht und das Judentum hervorragender Menschen negiert. So „bewies“ man schon im vorigen Jahrhundert, daß Jesus „Arier“ war. Und kürzlich verteidigte ein Hörer in einer Wiener Volkshochschule hartnäckig die These, Karl Marx sei, weil getauft, nicht Jude, sondern Protestant gewesen. Die Juden zu töten und das Judentum zu vernichten geht letztlich auf das gleiche Motiv zurück: das Nicht-annehmen-Wollen des Judentums als eines einzigartigen und integrierenden Teiles des Menschtums.

Prügelknabe der Entmenschlichung

Wir wissen, daß „der Jude“ nicht gegenwärtig sein muß, um Antisemitismus aufkommen zu lassen. Von den Demonstranten in Sachen Olah dürften die jüngeren kaum je die Bekanntschaft eines Juden gemacht haben. Nach allem, was wir psychologisch und soziologisch ermitteln können – uns es ist viel! –, steht fest, daß der Antisemitismus nichts anderes ist als eine latente Störung des Gattungswesens (das ist: des gesellschaftlichen Lebens) der Nichtjuden und ein daraus entspringender Selbsthaß, der unbewußt auf die Juden projiziert oder bewußt von interessierter Seite auf sie hingelenkt wird, wie etwa nach dem Börsen-„Krach“ von 1873. Daß es auch jüdischen Antisemitismus gibt, entkräftet unsere These nicht. Er ist, wie Jochanaan Bloch vor kurzem gezeigt hat, eine Folge des Druckes der „christlichen“ Umgebung: Man läßt die Juden fühlen, daß man sie nicht will, bis sie sich selbst nicht mehr wollen. Warum aber wird der nichtjüdische Selbsthaß ausgerechnet auf die Juden projiziert? Wenn wir kurz darauf zu sprechen kommen, so deshalb, weil der Antisemitismus fast ausschließlich durch Vorurteile und Schlagworte genährt wird.

Durch Jahrtausende unterdrückt, sind die Juden bevorzugte Träger komprimierter Menschlichkeit. Während ich denke, ob ich das oder jenes tun soll, hat ein durchschnittlicher Jude schon gedacht und im Geist erlebt, was geschähe, wenn er das eine oder das andere getan hätte. Aber er hat auch schon gedacht und geistig erlebt, was mir geschehen würde, täte ich das eine oder das andere … Man lebt nicht ein paar Jahrtausende in nahezu stündlicher Gefahr, ohne eine ganz andere Erfahrungsdichte zu sammeln als die anderen. Nun wird man einwenden, wir alle lebten in Gefahr, wir alle müßten sterben, könnten jeden Augenblick verstümmelt, getötet werden. Gewiß. Aber keiner von uns kann ermessen, was es heißt, jeden Augenblick von den witternden Nasen umgeben zu sein, das Wort Jude so unsagbar spezifisch ausgesprochen zu hören und sich dem Pauschalhandicap ausgeliefert zu sehen, das da im mildesten Falle heißt: „Er ist Jude, aber ein anständiger Mensch!“ Keiner von uns kann ermessen, was es heißt, in einem Jahrtausend „christlicher“ Geschichte auf dem Tummelplatz Abendland der Prügelknabe – nein, Mordknabe! – für so ziemlich alles gewesen zu sein, was einem auf dieser Erde passieren kann: von Cholera und Pest über die adelige und kapitalistische Ausbeutung in „Frieden“ und Krieg bis zur Trostlosigkeit der „christlichen“ Einzelseele in einer so oft grandios mißverstandenen Religion jüdischen Ursprungs (den man gewöhnlich nicht wahrhaben wollte).

Unbequemer, unerläßlicher jüdischer Geist

Da wir alle sterben müssen, sind wir alle gleichsam Fremdlinge auf dieser Welt. Aber während etwa der Christ angesichts dieser harten Wirklichkeit nur so weit gelangt, daß er diese Welt nicht recht ernst nimmt, ja sogar verachtet, in sich abtötet und all sein Trachten auf eine kommende lenkt, ist „der Jude“ schon einige fundamentale Schritte weiter. Er ist auf dieser Welt noch viel mehr Fremdling als wir, lebt seit zwei Jahrtausenden in der Zerstreuung, nicht nur seit derselben Zeit seiner ursprünglichen Heimat entfremdet, sondern auch von den „Bodenständigen“, den Christen, in seiner jetzigen Heimat, in der er häufig länger ansässig ist als die Nichtjuden, mit Gewalt in der Entfremdung fixiert: fern von der Scholle, die nur die andern besitzen dürfen; durch Jahrhunderte verurteilt, mit dem Geld, dem Wucher, dem Handel umzugehen im Dienste einer Umgebung, die diese Lebenswichtigkeiten einer Klassengesellschaft verachtet und kirchlich tabuiert hat. Das Geld, „der Nerv aller Dinge“, wurde den gefährdeten, bedrohten, mehrerfahrenen, raschreagierenden, in die Zukunft blickenden Juden auferlegt, damit aber die größte, die quasi-göttliche Potenz einer gierigen Gesellschaft dem flinksten und intelligentesten Arbeiter als Instrument in die Hand gezwungen. Dadurch aber wurde die Klassengesellschaft in ihrer feudalistischen und kapitalistischen Gestalt kraft ihrer eigenen Verworfenheit immer wieder in ihr eigenes Extrem geführt: Krise, Krieg, Amoral, Lebensleere, Weltvernichtungsdrang. Die Juden aber, als die komprimierten, die menschlichsten, die ur-menschlichen Menschen, haben am Rande des Abgrunds stets die stärkeren Kräfte der Rettung und Heilung entwickelt als andere und die Sache der Menschheit und Menschlichkeit vorangetrieben: in den alttestamentlichen Propheten, in Jesus, in Marx, in so vielen anderen.

Die abendländisch-„christliche“ Gesellschaft hat am Ende ihrer Geschichte den Menschen Ding- und Warencharakter gegeben, waggonweise für Fabriken, Schlachtfelder, Slums und die seelischen Wohlstandssümpfe lieferbar. Folgerichtig hat sie an den Ausgang ihrer Tätigkeit die tatkräftigste Verdinglichung des Menschen gesetzt, die je ersonnen werden konnte: die „Verarbeitung“ ihrer bis heute unverstandenen menschlich-menschheitlichen Unruhe, nämlich der Juden, zu Seife und Kunstdünger …

Die jüdische Entfremdung ist nichts anderes als die Entfremdung der Umgebung in angereicherter Form. Die Juden als die am wenigsten irgendwo auf dem Boden dieser Welt Bodenständigen, nirgends Einheimischen, haben seit Jahrtausenden die Freiheit entdeckt und eine von der Gottbeziehung untrennbare Heimat in sich selbst gefunden. Durch den Besitz von Heimatboden nicht provinziell besessen, waren – und sind – sie allen Einheimischen um eine ganze Mutationsstufe voraus. Die Entwicklung der Menschheit wurde zuerst vom prophetischen Geist der Juden als Geschichte, als vom Menschen vorangetriebener Fortschritt, als permanente Schöpfung unter Mitwirkung des Menschen verstanden. Heute ist die Geschichte in ihr Weltstadium getreten. In ihm erfordert sie die klare und entschlossene Übernahme der Verantwortung durch möglichst alle. Die heute notwendige, wir-hafte Verantwortung aber ist gerade die vom Judentum so früh erkannte. Zukunftsverschlossenheit und konservatives Beharren sind darum gewöhnlich begleitet vom Antisemitismus, darum und nicht zufällig. Das jüdische – zunehmend auch von Nichtjuden geleistete – Vorwärtsdrängen zur Einen Welt oder zur sozialistischen Gesellschaft wird als peinlich empfunden. Man gerät aus dem ererbten bourgeoisen Gleichgewicht, aus der Mittel(stands)lage und in Bewegung. Man fühlt sich bedroht, um so mehr, als man sich im Brennspiegel des Andersartigen – in der „zersetzenden jüdischen Kritik“ –, in seinen Beschränkungen und seinem Festgelegtsein früher erkannt sieht, als man sich selbst zu erkennen vermag.

Antisemitismus ist konzentriertes Nicht-Mensch-werden-Wollen. Daher wohnt ihm die Mordabsicht inne, das Gegenteil zum Willen, sich aneinander zu entfalten und in seinem Menschsein zu steigern. Mord ist Mord, gleich ob an Österreichern, an Italienern oder an Juden. Aber die „Sonderbehandlung“ durch die Eichmänner ist der letzte und fürchterlichste Stein einer Beweiskette, die nicht mehr negiert werden sollte …

Antisemitismus zum Verbrechen erklären!

Unsere Demokratie erinnert nicht selten an ein Kinderspielzeug, das eine gewisse Zeit läuft, wenn man es einmal aufgezogen hat. Daß heute der Motor auszusetzen beginnt, sollte uns Anlaß sein, das bisherige Räderwerk und unsere spielerische Einstellung dazu als unzureichend zu erkennen. Demokratie mit Statik zu verwechseln und sie als Konserve zu behandeln, heißt sie umbringen. Das Minimalerfordernis muß sein, wirklich mit der Zeit zu gehen, das aber heißt, aus Auschwitz die Konsequenzen zu ziehen: juristisch, pädagogisch, politisch und vor allem menschlich. Wir haben bisher den Antisemitismus nicht bewältigt, sondern umschwiegen und „nicht einmal ignoriert“. Da Demokratie nur in der Verantwortung möglichst aller lebt, haben wir mit unserer bisherigen Einschätzung des Antisemitismus in aller Stille einen handfesten Strick für die Demokratie gedreht. Um ihn rechtzeitig zu zerschneiden, bedarf es einer radikalen Gesinnungsänderung. Wir sollten uns klarmachen, daß der Ruf Zolas „Ich klage an!“ in einer vergleichsweise harmlosen Situation ertönte.

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