Albert Massiczek
1916–2001

„Die Zukunft“, Rubrik „Pro und Kontra“, Heft 7, April 1965, 25 ff.

Judentum und gleiche Menschenwürde

Manfred Scheuch hat in seinem Artikel über den Antisemitismus in der „Zukunft“ 4/1965 auch meinen Namen genannt. Dazu möchte ich feststellen: der Ausdruck „jüdischer Komplex“ ist einem als solchen gekennzeichneten Zitat von Edmund Silberner entnommen, das in meinem Buch enthalten ist – aber nicht meinem eigenen Text. Ich würde mich hüten, als Nichtjude in der Behandlung eines der wundesten Probleme einen solchen Terminus zu verwenden.

Scheuch und ich stimmen darin überein, daß es eine „Besonderheit der jüdischen Situation“ gibt. Doch ist es ja noch keine Erklärung, daß diese „der Geschichte entspringt“. Geschichte umfaßt alles, was geschehen ist, nicht nur das, was der im Sinne des 19. Jahrhunderts Wissenschaftsgläubige in einer Diskussion für zulässig erklärt. Mein Buch „Gott oder Tabu?“ stellt im Kapitel „Judenfrage: auch marxistisch nicht gemeistert“ (167 ff.) den logischen Schlußstein einer Beweisführung dar, der man „unwissenschaftlichen Philosemitismus“ nicht ohne weiteres vorwerfen sollte. Man könnte sich sonst selbst dem Vorwurf leichtfertigen Urteilens aussetzen. Wer, wie ich, zahlreichen Juden und dem Judentum nahe ist, wird dadurch nicht in seiner Wissenschaftlichkeit behindert. Nähe und Liebe zur Sache sind in allen Fällen eher als Plus zu werten. Zugleich wird aber aus der Nähe auch jene Seite sichtbar, die einer wissenschaftlichen Behandlung nicht offen sein kann. Gerade hier aber wird gewöhnlich simplifiziert; man anerkennt nicht Wissen und Glauben, sondern nur eine der beiden Sphären. In unserem Falle kommt man solcherart zu Konsequenzen, die die Simplifikation besonders verlockend erscheinen lassen: Mit der Sphäre des Glaubens läßt sich die entscheidende Besonderheit des Judentums „aus der Welt schaffen“, beziehungsweise als „Geschichte“ etikettieren, was dasselbe bedeutet. Zugleich wird der Antisemitismus zum rein soziologischen und moralischen Defekt verniedlicht. Und man kann nun bequem den, der Wissen und Glauben zu unterscheiden weiß, als „aimablen Simplifikateur“ in den Bereich des Unernstes abschieben und damit „aimablement“ unschädlich machen … Letztlich liegt dieser Haltung freilich nicht nur eine Fehleinschätzung des Judentums zugrunde, sondern auch eine unbewußte Abwertung. Mit Scheuch halte ich den Staat Israel für eine großartige und notwendige Leistung; aber ich sehe die Juden als so wertvoll an, daß sie es mir nicht nötig zu haben scheinen, „endlich den anderen Völkern gleich sein zu dürfen“, wie Scheuch sagt.

Die „Besonderheit der jüdischen Situation“ liegt darin, daß die Judenheit eine enorme intellektuelle Qualität ist, das Judentum aber eben nicht nur wissenschaftlich anvisiert werden darf, will man nicht an seinem eigentlichen Wesen vorbeisehen. He biblos, das Buch, nämlich die Bibel, ist Zeugnis für die einzige Gottesoffenbarung. Sie gilt den Gründen alles Seins und Lebens, nicht aber der für die Rationalität erreichbaren Oberfläche. Hiefür zeugen eine ganze Reihe berühmter Gelehrter. Marx hat diese Qualität des Judentums negiert, nicht zufällig zugleich mit dem Judentum an sich selbst, wofür es überzeugende Beweise gibt. Aber kein einziger seiner großen Gedanken, auch nicht seine Religionskritik, widerstreiten dem Gott, wie ihn die Bibel meint. Die Gottlosigkeit freilich schafft die – durchaus unbeabsichtigte – Möglichkeit, selbst zum Idol gemacht zu werden.

Dem nach Assimilation strebenden europäischen Juden wird die absolute Verneinung Gottes freilich leicht gemacht. Im Zuge der Hellenisierung des Christentums wird der biblische Gott, der Unfaßbare, der Unbegreifliche, zum Gottes„begriff“ rationalisiert, theologisiert, verwissenschaftlicht, damit aber zum herausfordernden „Objekt“ für Gottestöter und Ungläubig-„Wissende“ gemacht – welch letztere nun unbewußt auf Idolsuche sein müssen, weil ihre Glaubenspotenz ihr uraltes Ziel verloren hat. „Der Herr aber spottet ihrer …“

Gerade weil Marx dem Judentum entstammte, darf man sich durch seine polemische Sprache nicht über seine eigentlichen Denkstrukturen und unbewußten Motive hinwegtäuschen lassen. Gerade als Marxist ist man es Marx schuldig, alles seither Erkannte bei der Einschätzung seines Verhältnisses zum Judentum mitzuberücksichtigen.

Antisemitismus ist der heimtückischeste Schlag gegen die gleiche Würde aller Menschen, weil er gegen den Ort und das Volk ihrer Verkündung geführt wird. Die gleiche Würde ist, wenn sie auch in mancher Weise wissenschaftlich untermauert werden kann, lange vor aller Wissenschaftlichkeit und unendlich viel tiefer als diese es je sein wird, Israel und damit der Menschheit geoffenbart. Darauf fußen unbewußt Marx, Engels, Kelsen. Aber es gibt kein Hindernis, daran heute in aller Offenheit anzuknüpfen. Das heißt freilich über das Judentum reden. Das heißt aber auch dann noch über das Judentum reden, wenn die menschheitliche sozialistische Gesellschaft als unendliche Vielfalt – nicht als Monotonie – geschichtlich erreicht sein wird. Gerade die geoffenbarte Glaubenswahrheit der gleichen Menschenwürde – wie sollte man sie wissenschaftlich je ganz in den Griff bekommen? – wird nicht ohne ernsteste Konsequenz außer acht gelassen, wo über das Judentum und das antisemitische Mordvorhaben gesprochen wird. Glauben heißt: sein Herz geben. Wird das Herz nicht gegeben, so bleibt die „gleiche Würde“ eine bourgeoise Phrase mit Ideologiecharakter. Auch von hier aus gibt es einen tiefen Zusammenhang zwischen der Vernichtung des Judentums und der Vernichtung der Juden.

Dr. Albert Massiczek

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