Albert Massiczek
1916–2001

Statement Dr. Hedwig Bodenstein vom 18. 3. 1947

Hedy Bodenstein
Wien 15. Tannengasse 5/40

Betrifft: Dr. Albert Massiczek.

Ich ken­ne Dr. Massi­czek seit 1938. Wir wa­ren da­mals Stu­dien­kol­le­gen an der phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Wien. Dr. Massi­czek ge­hör­te zu je­nen Men­schen, die den „Um­bruch“ zu­nächst mit Über­zeu­gung mit­mach­ten die sich je­doch, als sie das wah­re We­sen der na­zis­ti­schen Theo­rie und Pra­xis er­kannt hat­ten, so­fort ent­schlos­sen in die Rei­hen der Unter­grund­be­we­gung stell­ten.

Be­reits we­ni­ge Mo­na­te nach der Okku­pa­tion Oester­reichs stand Dr. Massi­czek zu­sam­men mit Dr. Fried­rich Heer, Wien 7. Neu­stift­gas­se 47, mit Dr. Vik­tor Rei­mann, Salz­burg, Berg­gasse 12, mir und an­de­ren in der Wider­stands­gruppe Dr. Roman K. Scholz. Wir wa­ren es – ich be­to­ne daß Dr. Massi­czek we­sent­lich und in füh­ren­der Stel­le da­ran be­tei­ligt war – die die stu­den­ti­sche Wider­stands­be­we­gung auf dem Bo­den der Wie­ner Uni­ver­si­tät be­grün­de­ten und auf­bau­ten.

Dr. Massi­czek ver­viel­fäl­tig­te und ver­brei­te­te vie­le Stel­len des im Drit­ten Reich ver­bo­te­nen Wer­kes „Die Re­vo­lu­tion des Ni­hi­lis­mus“ von Her­mann Rausch­ning, das ich aus der Schweiz nach Oester­reich ge­schmug­gelt hat­te. In glei­cher Wei­se ver­brei­te­te er un­ter Le­bens­ge­fahr vie­le an­de­re ver­bo­te­ne Schrif­ten. Immer wie­der be­tei­lig­te er sich ini­tia­tiv an Unter­stüt­zungs­ak­tio­nen für aus rassi­schen und po­li­ti­schen Grün­den Ge­schä­dig­te des Hit­ler­re­gi­mes.

Nur durch ei­nen glück­li­chen Zu­fall wurde Dr. Massi­czek im März 1940 nicht in die Lis­te un­se­rer Wider­stands­grup­pe auf­ge­nom­men. Es war dies nur dar­auf zu­rück­zu­füh­ren, dass er am 1. April 1940 zur Wehr­macht ein­rüc­ken muss­te und da­her zu­nächst sei­ne bis­he­ri­ge Funk­tion auf­ge­ben muss­te. Da­her ge­hör­te er zu den we­ni­gen, die, als un­se­re Grup­pe durch den Ver­rä­ter Otto Hart­mann auf­flog, nicht ver­haf­tet wur­den. Das Schick­sal von Dr. Roman K. Scholz ist be­kannt. Dr. Rei­mann wurde zu zehn Jah­ren Zucht­haus, ich selbst zu zwei­ein­halb Jah­ren Zucht­haus und zu 3 Jah­ren Ehr­ver­lust ver­ur­teilt.

Wäre Dr. Massi­czek ver­haf­tet wor­den, so hätte ge­ra­de er in sei­ner be­son­ders ex­po­nier­ten Stel­lung ohne Zwei­fel das Schick­sal un­se­res Gruppen­füh­rers ge­teilt.

Ab­schliessend möch­te ich noch fest­halten, dass ich es höchst son­der­bar fin­de, dass Dr. Massi­czek we­gen ei­nes kur­zen Ju­gend­irr­tums noch im­mer Schwie­rig­kei­ten ge­macht wer­den. Ich fin­de, dass 7 Mo­na­te Ille­gali­tät un­ter Schusch­nigg durch 7 Jah­re Wider­stands­kampf ge­gen das Blut­regime Hit­lers wohl reich­lich auf­ge­wo­gen wer­den.

[signiert: Hedy Bodenstein]

Wien, am 18. März 1947.

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